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Landkreis
05. Sep. 2010 16:33 Uhr
„Die Äcker einfach abbrennen…“


Landkreis (mld). Ein extrem langer, kalter Winter, mehrere Wochen große Hitze und Trockenheit, dann Regen in Massen: Die extremen Wetterbedingungen, wie wir sie aus diesem Jahr kennen, sind keinesfalls neu. Schon im Jahr 1960 berichtet unsere Zeitung über ganz ähnliche extreme Wetterausschläge.

In Hannover wird mit 180 Millimeter Regen pro Quadratmeter „der regenreichste August seit über hundert Jahren“ verzeichnet, in Hamburg fielen 233 Liter Regen, „das sind 265 Prozent über dem Durchschnitt.“ Schaumburg verzeichnet in diesem Monat insgesamt 24 Regentage mit 190 Millimetern Regen pro Quadratmetern – das Monatsmittel lag bei 74 Millimetern.

Während Überschwemmungen keine so große Rolle im Kreis spielen – härter trifft es zum Beispiel Norditalien, wo nach tagelangen Regenfällen Dutzende Menschen ertrinken oder durch Erdrutsche verschüttet werden –, trifft das verrückt spielende Wetter in Schaumburg vor allen Dingen die Landwirtschaft hart.

„Auf eine totale Katastrophe steuert in diesem Jahr die Ernte zu“, berichten wir Ende August. Für die meisten Schaumburger Bauern ist die Getreideernte damals eine der wichtigsten Einkommensquellen. Das Getreide aber „liegt meist wie platt gewalzt und fault unter dem gärenden Unkraut…“, schreibt unsere Zeitung. Wo die Ähren noch auf den Halmen stünden, hätten sie bereits lange Triebe gebildet, auch hier sei mit „großen Verlusten“ zu rechnen. Viele Ähren trügen gar keine Körner.

Bereits eingefahrene Ernte sei zu feucht; allein durch Feuchtigkeitsschäden betrage der Verlust 40 Prozent. Und „die Trockenanlagen in den Silos reichen nicht aus, um die angelieferten Mengen Getreide verarbeiten zu können.“ Viele Landwirte müssten die Körner auf Scheunen und Böden ausbreiten und täglich wenden.

Das Getreide sei „nur noch in den einzelnen Betrieben eventuell als Futter“ verwertbar. Und: „Wenn nicht unverzüglich eine Wetterbesserung eintritt, wird nichts anderes übrig bleiben, als manche Äcker einfach abzubrennen…“

Der Kreisverband Schaumburg-Lippe des Niedersächsischen Landvolks kommt Anfang September zu einer außerordentlichen Sitzung zusammen. „Die dort vorgebrachten Tatsachen zeigen klar und deutlich, daß Schaumburg-Lippe und auch die Grafschaft Schaumburg eine Getreidemißernte erleben, wie sie seit vielen Generationen nicht mehr vorgekommen ist“, so unsere Zeitung.

In diesen Tagen berichtet unsere Zeitung fast täglich über die Ernteschäden im Schaumburger Land. Und gibt zum Beispiel Tipps, wie nasses Getreide durch „Einsäuern zu retten“ ist: Gemischt mit Kleie oder Biertreber und luftdicht für sechs Wochen gelagert, könne das feuchte Getreide noch als Silage an Schweine oder Rinder verfüttert werden.

Anfang September bereist eine „Kommission“ aus Kreislandwirt, Finanzamtsleiter, Regierungsrat und Landwirtschaftsschule die landwirtschaftlichen Betriebe in der Grafschaft Schaumburg, um das Ausmaß der Ernteausfälle abzuschätzen. So bereist die Kommission unter anderem die Domäne Möllenbeck, auf der „bis zu 30 Prozent Auswuchsschäden“ zu beklagen sind. In den Lagerräumen der An- und Verkaufsgenossenschaft in Rinteln, berichtet unsere Zeitung, „vergammelt“ das Getreide noch in den Säcken, weil es nicht rechtzeitig trocken zu bekommen ist.

Der Schaden wird nach der ersten Besichtigung am 8. September auf zwölf Millionen D-Mark geschätzt.

Ende September berichtet unsere Zeitung über das Ergebnis der Besichtigung: Nach der Prüfung von 3911 Schaumburger Betrieben wird der Verlust bei der Getreideernte auf 4,75 Millionen Mark geschätzt. „Dabei sind aber die weiteren Folgen der schlechten Ernte, wie Schäden an Stroh nach Menge und Güte, Mehrkosten durch Handarbeit, Verunkrautung der Felder und der Ausfall oder die Verzögerung des Zwischenfruchtbaues sowie die Mehrkosten für die Trocknungsanlagen, Neubeschaffung des Saatgutes und Störungen in der Betriebsorganisation (…) nicht eingerechnet.“

Am 8. September 1960 berichtet unsere Zeitung über die ersten Begutachtungen von Ernteausfällen im Kreis Grafschaft Schaumburg. Die Schäden werden da auf zwölf Millionen Mark geschätzt, hinterher aber nach unten korrigiert. Dennoch: 1960 wird zum Extremwetterjahr und die Schäden sind für viele Landwirte katastrophal.



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